Können NGOs und Mikrofinanzierer armen Menschen den Zugang zu Versicherungen erleichtern? Michael J. McCord, Chef des MicroInsurance Centre, glaubt, dass kommerzielle Versicherer die Milliarden von potentiellen Kunden weltweit besser erreichen können.
![]() | Michael J. McCord, Geschäftsführer des MicroInsurance Centre„Wenn wir wirklich die breite Masse erreichen wollen, dann in Zusammenarbeit mit kommerziellen Versicherern.” (Foto: MicroInsurance Centre) |
Welches sind die grundlegenden Unterschiede zwischen Versicherungen in Industrie- und in Entwicklungsländern?
In Industrieländern gibt es üblicherweise eine große Auswahl an Produkten in allen Marktsegmenten, die den Zielgruppen entsprechend verkauft werden.
In Entwicklungsländern haben sich die Versicherungen sowohl bei Firmen als auch bei Privatpersonen fast ausschließlich auf die oberen Einkommensschichten spezialisiert. Außerdem decken sie den Bereich der Pflichtversicherungen ab. Dort haben sie bisher ihren potenziellen Kundenstamm gesehen.
Hat sich das geändert?
In den Jahren 2000, 2001, 2002 stattete ich den Geschäftsführern etlicher Versicherungsunternehmen Besuche ab, um mit ihnen über die Potenziale des Versicherungsmarktes zu sprechen. Nach meinem Besuch hatten sie oft einen ganz neuen Blick auf den Markt und auf ihre eigene Rolle. Meistens hatten sie noch nicht einmal daran gedacht, dass die 70 Prozent, die sie als Kunden nicht in Betracht gezogen hatten, interessant sein könnten.
Inzwischen kommen viele Versicherer, Versicherungsverbände und auch Vertreter der Versicherungsaufsicht zu den zahlreichen nationalen, regionalen und internationalen Treffen.
Wenn ich mich bei diesen Veranstaltungen mit Versicherern treffe, geht es nicht mehr darum zu verstehen, was Mikroversicherungen eigentlich sind. Ihre Frage lautet jetzt: „Wie kommen wir zu mehr Kunden und zu besseren Produkten?“ Das war eine bedeutende Veränderung.
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Und trotzdem erreichen die Mikroversicherungs-Programme nur etwa zwei Prozent aller Haushalte, die dafür in Frage kommen. Welches sind die Hauptprobleme?
Sollen Mikroversicherungen wirklich die breite Masse der Bevölkerung erreichen, kommt es auf effektive Vertriebswege an. Lange galt die Annahme, der Weg über die Mikrofinanzierer sei der beste. Aber sie erreichen bestenfalls 25 Prozent der potenziellen Kunden.
Die Realität sieht bisher so aus: Versicherungen gibt es in Einzelhandelsgeschäften in Indonesien und in Postämtern auf den Philippinen. In Südafrika kann man sie in Beerdigungsinstituten kaufen, während sie in Indien per Computer zu haben sind – sogar irgendwo im Busch.
Ich denke, dass Kommunikationstechnologien bei der Verbreitung von Mikroversicherungen künftig eine wichtige Rolle spielen werden. Das führt uns direkt zum Thema Verbraucheraufklärung.
Wir wissen, dass ein Bedarf an Instrumenten zur Risikovorsorge besteht. Die Leute wissen: „Ich muss mir überlegen, wie ich vorsorgen kann, falls Behandlungskosten auf mich zukommen.“
Wir müssen ihnen helfen, den Bogen zu der Erkenntnis zu schlagen, dass eine Krankenversicherung genau das ist, was sie brauchen. Wenn wir es schaffen, diese Themen bei der breiten Masse anzusprechen, dann bringt das den Mikroversicherungen sicher den Durchbruch.
Sie haben Krankenversicherungen erwähnt. Bisher gab es Mikroversicherungen vor allem für Kredite und als Lebensversicherung. Hat sich das geändert?
Was den Bedarf angeht, steht die Versicherung von Gesundheitsrisiken ganz oben auf der Liste. Das Problem besteht auf Seiten der Anbieter. Bis jetzt gibt es eine Menge Kreditlebensversicherungen – die sind einfach und die Versicherer erwirtschaften damit eine Menge Geld.
Kurz gesagt: Ich denke, dass es bei den Mikroversicherungen eine Entwicklung von einfachen Strukturen hin zu komplexeren gibt. Außerdem bieten inzwischen einige Firmen wie CruzSalud in Venezuela und Microcare in Uganda kommerzielle Mikro-Krankenversicherungen an.
Durch diese Beispiele hat der Versicherungssektor Zahlen an der Hand und kann die Größenordnung der Risiken eher abschätzen. Je besser die Versicherer mit diesem Marktsegment und den Risiken zurechtkommen, umso weiter wird die Entwicklung in Richtung zusätzlicher Krankenversicherungs-Produkte gehen.
Wird es solch eine Entwicklung auch für klimarelevante Mikroversicherungen geben?
Viele Menschen glauben, eine Versicherung sollte vor den Auswirkungen der Klimaerwärmung schützen. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Produkte, deren Grundlage ein Wetterindex ist, können tatsächlich durch die Kovarianz (Maß für die gegenseitige Abhängigkeit) bei ausbleibendem Regen oder bei Fluten helfen.
In Entwicklungsländern gibt es zahlreiche Pilotprojekte zu sogenannten parametrischen Versicherungen, die Schäden durch beispielsweise Naturkatastrophen oder ausfallende Ernte versichern. Ihre Reichweite ist noch recht begrenzt, allerdings könnten sie ärmeren Menschen in Agrarstaaten geeignete Mittel zum Risikomanagement liefern.
Ebenso wichtig ist die Anpassung an neue Gegebenheiten. Wer direkt an der Küste lebt und weiß, dass der Wasserspiegel steigen wird, muss umziehen. Leute, die dennoch weiter an der Küste leben, sollten nicht versichert werden.
Was sie brauchen, ist Hilfe bei der Anpassung an veränderte Umstände. Und oft schon in Vergessenheit geraten, aber immer noch hilfreich sind die Anforderungen, die Versicherer für den Abschluss eines Vertrags voraussetzen.
In welche Richtung haben sich die Mikroversicherungen im vergangenen Jahrzehnt entwickelt?
Einer der Trends ist, dass kommerzielle Versicherer zunehmend auf diesem Markt aktiv werden. Wenn Mikroversicherungen wirklich die breite Masse erreichen sollten, dann in Zusammenarbeit mit kommerziellen Versicherern. Es wird weder über lokale Ansätze noch über nicht-staatliche Organisationen funktionieren.
Die gute Nachricht ist, dass die kommerziellen Versicherer anscheinend ein sehr starkes Interesse an diesem Markt haben. Allerdings muss ihr Interesse in die Richtung besserer Produkte gelenkt werden. Die meisten Menschen halten eine Kreditlebensversicherung für wertlos.
Was wir brauchen, sind qualitativ hochwertige Mikroversicherungen, die armen Menschen sinnvoll erscheinen und zu denen sie effektiven Zugang haben. Inzwischen gibt es immer mehr derartiger Produkte, denn sowohl die Versicherer als auch die Vermittler erkennen, dass sie auf den Bedarf ärmerer Leute genauso reagieren müssen wie auf die Anforderungen der anderen Märkte auch.
Autor: Miriam Wolf
Veröffentlicht am: 17. Juni 2009