Können Versicherungen die Welt vor finanziellen Verlusten schützen, die durch den Klimawandel entstehen? Walter Stahel leitet die Forschungsabteilung Risikomanagement bei der Geneva Association, einem Think Tank für Versicherungen. Er erklärt, was möglich ist und was nicht. .
Die Geneva Association vertritt führende Versicherungsunternehmen. Warum bereitet Ihnen der Klimawandel Sorgen?
Wir befassen uns schon seit 20 Jahren mit dem Klimawandel. Aber früher nannten wir das Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeitsentwicklung. Wenn wir eine kohlenstoffarme Gesellschaft werden wollen, müssen wir uns zuerst in eine Gesellschaft mit niedrigem Ressourcenverbrauch verwandeln.
Die Industrieländer verbrauchen noch immer viel zu viele Ressourcen aller Art, und gerade sie sind die Länder mit hohem Versicherungsschutz. Wenn wir die CO2-Emissionen wirklich reduzieren wollen, müssen wir unseren Lebensstil radikal ändern. Und das wird ebenfalls radikale Auswirkungen auf den Versicherungssektor haben.
Wie wird sich der Klimawandel auf die Versicherungen auswirken?
Es gibt drei unbestreitbare Effekte des Klimawandels. Wir haben Probleme mit dem steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre, steigenden Luft-, Wasser- und Bodentemperaturen und mit dem steigenden Meeresspiegel.
Die zunehmenden CO2-Emissionen und die steigenden Temperaturen werden vermutlich große Auswirkungen auf Gesundheit und Landwirtschaft haben. Es ist noch nicht wirklich klar, was das für die Versicherungen bedeutet, aber es wird sich auf die versicherten Verluste auswirken.
Der steigende Meeresspiegel hat die bedrohlichsten Auswirkungen. Abgesehen von allen Häfen liegen alle großen Ölraffinerien und Kernkraftwerke höchstens einen Meters über dem gegenwärtigen Meeresspiegel. Diese Anlagen haben eine Betriebszeit von mindestens 30 oder 40 Jahren. Sie zu verlegen wird viel Geld kosten, sie stillzulegen bedeutet verlorene Investitionen. Das könnte den Investment-Bereich der Versicherungen betreffen.
Der Kampf gegen den Klimawandel wird viel Geld kosten. Ist er die Mühe wert?
Es entstehen Kosten, aber ich sehe auch große Chancen, zum Beispiel bei der Energieeffizienz von Gebäuden. Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York, verkündete kürzlich Pläne, alle neuen Gebäude energieautonom bauen zu lassen.
Sein Argument war nicht unbedingt der Klimawandel, sondern die öffentliche Sicherheit. Jedesmal, wenn es in New York zu einem Stromausfall kommt, sind die Notfallsysteme überfordert. Menschen sind in Fahrstühlen eingeschlossen. Sicherheitssysteme funktionieren nicht mehr. In einem energieautonomen Gebäude gäbe es diese Probleme nicht.
Es gibt viele Vorteile, die über die CO2-Frage hinausgehen. Eine intelligentere Energienutzung in Gebäuden wird sich positiv auf die Gesellschaft und die Versicherungen auswirken. Es wird einfach alles sicherer.
Wir müssen auch über diese zweit- und drittgradigen Auswirkungen sprechen. Wenn wir zeigen können, dass der Kampf gegen den Klimawandel von zusätzlichem Nutzen für die Gesellschaft ist, wäre es viel leichter, politische und öffentliche Unterstützung für Maßnahmen zur Begrenzung von Schäden und zur Anpassung zu bekommen.
Hat sich der Klimawandel schon negativ auf die Versicherungsunternehmen ausgewirkt?
Die schwierigsten Fälle sind Fluten und Stürme. Aber hier sind Fahrlässigkeit und subjektives Risiko ebenso problematisch wie der Klimawandel. Verluste bei Fluten und Stürmen entstehen häufig eher durch die mangelhafte Wartung der bestehenden Einrichtungen wie Abwasserleitungen und Pumpen, Dämme und Deiche, als durch radikal veränderte Klimabedingungen.
Und die Menschen wollen zunehmend in schönen aber gefährdeten Gebieten wie Florida leben. In den letzten 100 Jahren gab es in Nordamerika einen kontinuierlichen Trend, aus den zentralen, ländlichen Gebieten in die Küstenregionen zu ziehen. Und das macht versicherte Werte sofort anfälliger für extreme Wetterereignisse.
Städte wachsen nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. Alle neuen Untergrundstraßen und U-Bahnen, Tiefgaragen und Banktresore sind bei Fluten und Springfluten gefährdet.
Und es gibt eine stetige Zuwanderung von ärmeren Menschen, die in einem Eigenheim oder zumindest unter ihrem eigenen Dach leben wollen. Sie müssen in billige Gegenden ziehen und die befinden sich sehr oft in Überschwemmungs- oder anderen gefährdeten Gebieten.
All diese Faktoren haben das Risiko für Schadensfälle in den letzten Jahren erhöht. Doch Versicherungen können nur zur Schadensverhütung beitragen, wenn die Regierungen zur Zusammenarbeit bereit und in der Lage sind. So können Regierungen Menschen untersagen, nach einer Naturkatastrophe in die gefährdeten Gebiete zurückzukehren, oder sie können die Anwendung bestehender Baustandards bezüglich Stürmen und Fluten vorschreiben. – ohne bekannte Risiken wie Erdbeben zu vernachlässigen.
Welche anderen großen globalen Veränderungen erwarten Sie für die Versicherungsbranche?
Eine Herausforderung ist die Frage, wie wir den Entwicklungs- und Schwellenländern durch Versicherungen und Mikroversicherungen helfen können.
Wasserknappheit ist ein wirklich großes Problem, weil man Wasser nicht einfach erfinden kann. Der Mangel an sauberem Trinkwasser ist vermutlich die weltweit größte Gesundheitsbedrohung. Man kann Trinkwasser durch Entsalzung gewinnen, aber das ist sehr teuer und sehr energieaufwendig.
Die dritte Herausforderung besteht darin, dass manche Regionen durch den Klimawandel zu Verlieren werden, während andere profitieren, zum Beispiel Sibirien, der Lebensraum der Inuit, der gesamte Norden Kanadas und Grönland.
Die Nord-Ost-Passage entlang der sibirischen Küste wird der Region neue Wege eröffnen, um seine Ressourcen auszuschöpfen und zu exportieren. Das ist alles völlig unberührtes Territorium in Hinblick auf Versicherungsgeschäfte und Investments.
Und schließlich gehören Überschwemmungsgebiete wie Bangladesch zu den fruchtbarsten und bevölkerungsreichsten Regionen der Welt – sie werden zu den Verlierern zählen. Ich weiß nicht, welche Vorkehrungen hier möglich sind, wenn überhaupt. Man kann Strandmauern bauen, aber das ist extrem teuer – wie man am Beispiel Holland sieht.
Können Mikroversicherungen armen Menschen helfen, sich an den Klimawandel anzupassen?
Mikroversicherungen funktionieren wie jede andere Versicherungsform auch. Man hat einen Pool bestehend aus ähnlichen Risiken, in dem die Verluste gegenseitig abgedeckt werden. Das bedeutet, die Versicherung kann nicht funktionieren, wenn alle verlieren. Eine Mikroversicherung im Bangladesch-Delta oder in ähnlichen Regionen wird nicht funktionieren, wenn die Kapitalgeber und die Versicherten in derselben Region ansässig sind.
Ähnlich ist es, wenn ein katastrophaler Zyklon eine Insel heimsucht. Dann erleiden alle Menschen Schäden und diejenigen, die nur auf lokale Anbieter gesetzt haben, bekommen ihre Verluste möglicherweise nicht ersetzt.
Die größte Herausforderung könnte also darin bestehen, neue und besonders angepasste Rückversicherungsmodelle zu entwickeln. Doch im Falle des steigenden Meeresspiegels kann eine Rückversicherung das Problem möglicherweise auch nicht lösen.
Der Meeresspiegel wird überall auf der Erde steigen und so kann nicht einmal das Rückversicherungsmodell funktionieren, weil alle betroffen sein werden. Vielleicht können die rechtzeitige Diversifikation von Versicherungen und ein alternativer Mechanismus für den Risikotransfer dazu beitragen, solche Risiken in der Zukunft abzudecken.
Autor: Thilo Kunzemann
Veröffentlicht am: 14. September, 2009