In einigen Teilen der Welt bricht der Winter dieses Jahr alle Kälterekorde. Sieht so die globale Erwärmung aus?
![]() | Eisige ZeugenEiszapfen bedecken einen Orangenbaum samt Früchte in Plant City, Florida. Das Wasser wurde versprüht, um die Pflanzen vor tiefem Frost zu schützen (Foto: Reuters) |
Großbritannien erlebt die längste Kälteperiode seit drei Jahrzehnten; in Nordamerika toben Blizzards, die selbst Florida Frost bringen; auf der Karibik-Insel Kuba erfroren zwei Dutzend Patienten eines psychiatrischen Krankenhauses. Von wegen globale Erwärmung!
Die Zahl der Kommentare und Artikel, in denen solche Gegenargumente weltweit verbreitet werden, steigt. Die britische Zeitung "Daily Mail" macht sich für die Theorie der globalen Abkühlung besonders stark und verkündete gar den Beginn einer "Mini-Eiszeit".
Wie sich das wohl für einen Australier anhört, der in Melbourne in der Hitze schmachtet? In der südlichen Hemisphäre herrscht Hochsommer. Hitzewellen ließen die Bewohner von Australiens sogenannter Gartenstadt nach Luft schnappen. Höhepunkt war die heißeste Nacht des Jahrhunderts, in der die Temperatur nicht unter 30 Grad Celsius sank.
Kurzzeitige Wetterextreme wie diese sagen allerdings noch nichts über den langfristigen Klimawandel aus. Natürlich ist er keine "Ente", und unbestritten ist auch, dass der Mensch ihn verursacht. Doch die meisten Menschen verwechseln leider Klima und Wetter – und genau deshalb wird das Thema so emotional diskutiert.
"Wir waren dem Wetter ausgeliefert", sagt Robert Greene, Regisseur des Dokumentarfilms "Wem gehört das Wetter". "Fast die gesamte Menschheitsgeschichte über war es das Wichtigste in unserem Leben." Wir haben ein feines Gespür für die täglichen Wetterkapriolen wie Regen, Schnee und Sturm entwickelt. Doch die wechselhaften und nicht so einfachen langfristigen Klimatrends verstehen wir kaum.
"Niemand käme auf die Idee, die Relativitätstheorie [Albert Einsteins] in den Medien zu diskutieren. Aber weil das Wetter uns alle betrifft, glauben alle, dass sie bei der globalen Klimaerwärmung mitreden können", klagt der international renommierte deutsche Klimaforscher Mojib Latif vom IFM Geomar an der Universität Kiel. Wissenschaftler wie Latif haben gelernt, weniger ihren Instinkten zu folgen, als sich auf Daten zu verlassen. Und was sagen die Daten über den Winter von 2009/2010 aus?
Nach Angaben des amerikanischen Klimadatenarchivs (U.S. National Climatic Data Center) steht der Dezember 2009 bei den kältesten je gemessenen Monaten in Amerika auf Platz 14. Könnte es sein, dass der Trend in Richtung Abkühlung geht? Doch dann kam der November 2009 – der drittwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Und plötzlich ist von Abkühlung nicht mehr die Rede.
Solche Wetteranomalien sind jedoch ziemlich nützlich, wenn man die Öffentlichkeit verwirren will. Die Durchschnittstemperaturen für den Winter 2009/2010 sind beispielsweise sehr unterschiedlich, je nachdem, ob man ab November oder ab Dezember misst.
Einigen Interessengruppen liegt viel daran, Verwirrung und Zweifel zu verbreiten, sagt Autor und PR-Spezialist James Hoggan. Das beste Mittel dazu sei die Theorie von der globalen Abkühlung, erklärt er, weil sich dadurch alle bestätigt sehen, die das Wetter ohnehin für unvorhersagbar halten.
"Wenn es in Florida schneit, hat die Theorie von der Klimaerwärmung ein Problem", sagt Hoggan.
Aber während die Menschen in Amerikas Sonnenscheinstaat bibberten, stiegen die Temperaturen in der Arktis wesentlich höher als sonst. Die Lufttemperatur lag im November und Dezember zwischen 5 und 9 Grad über dem Durchschnitt, bestätigte das Meteorologische Institut Norwegens.
Klimawissenschaftler geben freimütig zu, dass sie sehr wenig über solch kurzfristige Schwankungen wissen. "In vielerlei Hinsicht wissen wir mehr darüber, was in den 2050er Jahren passieren wird, als das, was nächstes Jahr kommt", sagte Vicky Pope vom britischen Wetterdienst der Zeitschrift "New Scientist".
Genau diese Komplexität der kurzfristigen Klimatrends macht die Diskussion über Klimaerwärmung oder -abkühlung so verwirrend. Mojib Latif lernte das auf die harte Tour.
Im Jahr 2008 veröffentlichte Latif mit einigen anderen einen Artikel in der Zeitschrift "Nature". Im nächsten Jahrzehnt werde sich die Oberflächentemperatur möglicherweise nicht erhöhen, so die Wissenschaftler. Natürliche Klimaschwankungen im Nordatlantik und im tropischen Pazifik würden die vom Menschen verursachte Erwärmung zeitweise ausgleichen, argumentierte Latif. Dies habe jedoch keinerlei Einfluss auf die langfristige globale Klimaerwärmung.
Kaum war der Artikel veröffentlicht, war die Hölle los. Latifs Ergebnisse wurden nun als Beweis für eine globale Erdabkühlung verwendet. In den Zeitungen waren Schlagzeilen zu lesen wie "Die Erde kühlt im nächsten Jahrzehnt ab" oder "Wissenschaftler behaupten: Klimaerwärmung möglicherweise zu Ende".
Latif startete eine Pressekampagne, um die falschen Interpretationen richtigzustellen, doch der Schaden war bereits angerichtet. Inzwischen nutzen Klimaskeptiker seine Ergebnisse regelmäßig, um die Tatsachen zu verdrehen. Die "Daily Mail" sah Latifs Arbeit gar als Beweis für ihre Mini-Eiszeit-Theorie an.
"Es überrascht mich, dass manche Menschen versuchen, mithilfe meiner Aussagen die Ursachen des Klimawandels in Frage zu stellen", sagte er dem "Guardian". "Kein Klimaexperte würde je behaupten, dass die Erwärmung, die wir bisher verzeichnet haben, zu 100 Prozent auf das Konto der Treibhausgas-Emissionen geht."
Eine Erwärmung von 2 Grad Celsius oder mehr wäre nicht das Ende des Winters. Selbst die beste Klimaprognose kann Wetterkapriolen nicht ausschließen.
Genau wie beim sprichwörtlichen Frosch, der erst ins kalte Wasser gesetzt und dann langsam zu Tode gekocht wird, kann es sein, dass wir die kleinen Veränderungen Jahrzehntelang nicht wahrnehmen. Bei all dem ziehen die Wissenschaftler den Kürzeren: Nur wenn das eintritt, was sie verhindern wollen, könnten sie ihre Kritiker überzeugen.
Autor: Thilo Kunzemann
Veröffentlicht am: 3. Februar, 2010