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Climate Tipping Points: Die Schwachstellen des Klimasystems

Der Klimawandel wird kein sanfter Übergang in eine wärmere Welt warnt die „Tipping Points“-Studie von Allianz und WWF. Zwölf Regionen rund um den Globus werden besonders von plötzlichen Veränderungen betroffen sein, darunter der Nordpol, der Amazonas und Kalifornien.


Climate Tipping Points: Die Schwachstellen des Klimasystems

Grönland schmilzt

Das Eisschild in Grönland ist einer der "Tipping Points" - ein Abschmelzen bedeutet einen Anstieg des Meeresspiegels und eine Bedrohung für die Küstenbewohner (Foto: Reuters)

 

Wir tendieren dazu, den Klimawandel mit dem Rückgang oder Wachstum von Gletschern zu vergleichen: Ein langsamer und stetiger Prozess, der fast nicht wahrzunehmen ist, aber relativ kontrollierbar abläuft. 

 

Das ist ein Missverständnis, warnt die „Tipping Points“-Studie, veröffentlicht von Allianz und WWF. Es macht einen gravierenden Unterschied, ob die Temperaturen weltweit nur um knapp zwei Grad Celsius ansteigen oder ob die zwei Grad-Grenze überschritten wird, auch wenn der Anstieg nur unwesentlich höher ist. 

 

Anders gesagt: Starker Schneefall kann unangenehm sein, bleibt aber meist harmlos. Doch Druck baut sich so lange auf, bis eine Grenze, ein sogenannter „Tipping Point“ überschritten wird und eine verheerende Lawine ausgelöst wird. Die Katastrophe ist dann oftmals nicht mehr aufzuhalten.  

 

Die Klimalawine  

Mit dem Klimawandel verhält es sich ebenso; ein Temperaturanstieg um „etwas mehr als zwei Grad Celsius“, wird höchstwahrscheinlich ein Waldsterben in weiten Teilen des Amazonasbeckens nach sich ziehen. Das würde einen wichtigsten Kohlendioxid- und Wasserspeicher weltweit zerstören. Brasiliens Landwirtschaft und die Wasserkraftwerke würden unter Wassermangel leiden, auch die Trinkwasserversorgung für weite Teile der Bevölkerung wäre gefährdet. 

 

Aufgrund der globalen Erwärmung ist ein sanfter Übergang in eine wärmere Zukunft unwahrscheinlich. Die Autoren der Tipping Point Studie vom Tyndall Centre for Climate Change Research halten sprunghafte Veränderungen für wahrscheinlicher.  

 

Zu den gravierendsten Folgen gehören der Anstieg des Meeresspiegels, immer schwerer zu prognostizierende Monsunperioden in Indien, Waldsterben im Amazonasbecken und Wüstenbildung im Südwesten der USA (Kalifornien und die angrenzenden Staaten). 

 

Im Südwesten der USA könnte der „Tipping Point“ sogar schon überschritten sein. Dürren wie während der Trockenperiode der 30er Jahre dürften bis Mitte des Jahrhunderts zur Norm werden, so die Prognose der Klimaforscher.


Climate Tipping Points: Die Schwachstellen des Klimasystems

Die "Climate Tipping Points"

Erfahren Sie mehr über die klimatischen Kipp-Punkte und wie sie unsere Umwelt verändern (Animation: Allianz - zum Ansehen auf das Bild klicken)

 

In einigen Punkten geben die Wissenschaftler aber Entwarnung. Zwar wird das Auftauen des Permafrostbodens in Ostsibirien die im Eis gefangenen Treibhausgase Methan und Kohlendioxid freisetzen. Damit dies großflächig geschieht, müsste die Temperatur in Sibirien aber im Schnitt um extreme neun Grad Celsius ansteigen. Die These, dass die Freisetzung dieser Treibhausgase den weltweiten Klimawandel verstärken könnte, ist „grob übertrieben“, fassen die Autoren zusammen.  

 

Gibt es kein Zurück? 

Die Idee der „Tipping Points“ besagt, dass kleine Veränderungen große Konsequenzen für bestimmte Teile des Ökosystems Erde haben.„Tipping Points“ existieren sowohl für abrupte Klimaphänomene, als auch für langsame Prozesse, deren Auswirkungen erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten sichtbar werden.  

 

Die Ökosysteme, die von einem solch radikalen Wandel bedroht sind, nennt man auch „tipping elements“, Kipp-Elemente. Die Tipping Points Studie konzentriert sich auf 12 der akutesten Kipp-Elemente. Sie untersucht ihren derzeitigen Status, potenzielle Auslöser für ein Überschreiten der Schwellenwerte und die daraus folgenden Auswirkungen. 

 

Die Kipp-Elemente werden in drei Kategorien aufgeteilt: 

Eisschmelze und Permafrost

Klimaphänomene wie El Nino und den Golfstrom, die andere Elemente beeinflussen

Änderungen des Niederschlags in tropischen und sub-tropischen Regionen 

 

Schließlich identifiziert die Studie vier daraus folgende Risiken 

Anstieg des Meeresspiegels

Instabile Monsun- und Regenzeiten in Indien

Dürre im Amazonasgebiet

Dürre im Südwesten der USA  

 

Das Beispiel Meeresspiegelanstieg 

Der Anstieg der Meeresspiegel, den die „Tipping Points“-Studie prognostiziert, unterscheidet sich von den eher konservativen Vorhersagen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Der Studie zufolge könnte ein Abschmelzen der Polkappen, vom IPCC nicht berücksichtigt, bis zum Jahre 2050 zu einem Anstieg des Meeresspiegels um einen halben Meter führen. 

 

Das Grönlandeis alleine enthält genügend Wasser für einen Anstieg um etwa sieben Meter. Bereits ein Temperaturanstieg von ein bis vier Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1980 bis 1999 könnte das Eis unumkehrbar schmelzen lassen. Ein komplettes Abschmelzen des Eisschildes würde aber mehrere Jahrhunderte dauern. Der Anstieg des Meeresspiegels würde vor allem die Ostküste der USA am stärksten betreffen.


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Steigt der Meeresspiegel um einen halben Meter, so würde sich die Anzahl der Menschen, die weltweit von Überschwemmungen bedroht sind, fast verdoppeln. Küstennahe Gebäude Anlagen im Wert von 3000 Milliarden US-Dollar wären gefährdet, die meisten in China, den USA und Indien.  

 

In der politischen Debatte werden diese Erkenntnisse bisher noch kaum beachtet. Bei der Festlegung von Richtlinien auf globaler Ebene wird oft vergessen, dass regionale Klimaveränderungen viel extremer und schneller ablaufen können.  

 

Noch dominiert die konservative Einschätzung des aktuellsten IPPC Reportes aus dem Jahre 2007, obwohl dort Klimaeffekte wie etwa das Abschmelzen der Polkappen nicht mit eingerechnet wurden. 

 

Da aber die Anstrengungen zum weltweiten Klimaschutz bisher noch ungenügend sind, wird die Zwei-Grad-Grenze in diesem Jahrhundert höchstwahrscheinlich überschritten. Das Passieren etlicher Tipping Points wäre dann unvermeidlich. Ein mutiges und wirkungsvolles internationales Klimaabkommen wäre ein erster Schritt, um die globale Erwärmung in kontrollierbare Bahnen zu lenken.

 

Autor: James Tulloch

Veröffentlicht am: 23. November 2009

 
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