Europa kann vom frühen Einstieg in den Klimaschutz profitieren, selbst wenn andere Länder nicht mitmachen, erklärt RECIPE: Report of Energy and Climate Protection in Europe, die jüngste Studie von Allianz und WWF.
Europa kann vom frühen Einstieg in den Klimaschutz profitieren, selbst wenn andere Länder anfangs untätig bleiben, so das Ergebnis der RECIPE Studie von Allianz und WWF. Der Haken: bis spätestens 2020 müssen die Maßnahmen greifen, auch werden nicht alle Industriezweige gleichermaßen profitieren.
Die globale Erwärmung ist ein eigenartiges Phänomen. Sie verändert nicht nur das Weltklima, sondern verwischt auch die einst so klaren Grenzen zwischen Klimasündern und Umweltschützern.
Der U.S. amerikanische Energieriese Duke Utility etwa gehört zu den größten CO2-Schleudern der USA. Trotzdem war der ehemalige Duke-Chef Paul Anderson jahrelang für eine klimafreundliche CO2-Steuer, die nicht nur CO2-Emissionen teurer macht, sondern auch Dukes Strom.
Das klingt überraschend, basiert aber auf Geschäftssinn. Der Klimawandel, so das Argument Andersons, ist eine Tatsache mit der wir leben müssen, also sollten wir versuchen ihn möglichst effizient zu bekämpfen. „Ein teures Durcheinander aus Strategien auf Bundes- oder Regionalebene können wir uns nicht leisten“, sagte Anderson. Sein Nachfolger James Rogers zählt gar zu den geistigen Vätern des geplanten US-Amerikanischen Klimagesetzes.
Während sich die Stimmung in den USA zum Positiven verändert, scheinen sich etliche EU-Regierungen von ihren ehrgeizigen Klimazielen zu verabschieden. Im Vorfeld des UN-Klimagipfels in Kopenhagen im Dezember kam es zwischen den EU-Staaten zu ernsthaften Auseinandersetzungen über die Finanzierung der hehren Ziele.
Tatsächlich sind die prognostizierten Kosten für den Kampf gegen den Klimawandel enorm: allein für den Aufbau eines klimafreundlichen Energiesektors wird etwa ein Prozent des jährlichen Bruttosozialproduktes benötigt – etwa 475 Milliarden Euro pro Jahr. Weitere Milliarden müssten an ärmere Länder gezahlt werden, denen die Mittel für den Umbau fehlen. Doch die Diskussionen innerhalb der EU vernachlässigt ein zentrales Argument: Nichts tun, wäre langfristig teurer.
Sir Nicholas Stern, Ökonom und Klimawissenschaftler, hatte es 2006 erstmals versucht, die Kosten der Klimaerwärmung zu beziffern. Wolle man sie aufhalten, würde das jährlich ein Prozent des BSP kosten. Zwei Jahre später verdoppelte er diesen Wert, die Klimaerwärmung schritt rascher voran als erwartet. Ohne diese Investitionen, so Stern, könnte auf lange Sicht aber sogar ein Fünftel des globalen Reichtums durch die Folgen eines ungebremsten Klimawandels verloren gehen.
RECIPE, die Studie über die europäische Klima- und Energiepolitik, setzt genau hier an. Basierend auf Sterns Erkenntnissen haben die Autoren die Kosten des Klimawandels – aufgeteilt nach Regionen und Industriesektoren – aufgeschlüsselt.
Der Studie liegt eine simple Idee zu Grunde: Wenn wir die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius beschränken wollen, dürfen wir bis 2050 noch etwa 750 bis 1000 Gigatonnen CO2 freisetzen. Ansonsten wären katastrophale Klimaveränderungen nur schwer zu vermeiden.
Unter der Leitung von Ottmar Edenhofer, dem Chefökonom des Potsdamer Instituts für Klimaforschung, teilten die Autoren dieses CO2-Budget auf die verschiedenen Regionen und Industrien auf.
Zugrunde liegen dabei drei verschiedenen Zukunftsmodelle. Ein Szenario setzt darauf, dass erneuerbare Energien und moderne Technologien unseren CO2-Ausstoß wirkungsvoll reduzieren können. Ein eher konservatives Szenario räumt erneuerbaren Energien weniger Chancen ein und baut darauf, dass wir in Zukunft sehr viel mehr Energie einsparen als heute.
Die Modelle sind sehr komplex, kommen aber zu einigen identischen Schlüssen: Wirksamer Klimaschutz ist machbar und bezahlbar! Europa würde von radikalen Maßnahmen auch dann profitieren, wenn andere Staaten zögern. Wird bis 2020 aber nicht entschieden gehandelt, ist es zu spät.
„Um einen wirkungsvollen Klimaschutz zu erreichen“, sagt Edenhofer, „brauchen wir bindende politische Vorgaben, die schnell greifen. Für Europa lohnt es sich, schnell mit dem Klimaschutz zu beginnen, selbst unilateral, da das zu deutlichen niedriLangeren Kosten führen wird.“
Kraftwerke etwa haben eine Lebensspanne von mehreren Jahrzehnten. Baut man heute ein Kohlekraftwerk, wird es bis zur Mitte des Jahrhunderts am Netz bleiben. Wenn Europa jetzt aufhört, in solche CO2-Schleudern zu investieren, entstehen zwar zunächst höhere Kosten, hohe Folge- und Umrüstungskosten bleiben aber erspart.
RECIPE zeigt auch, dass die entstehenden Kosten tragbar sind. Gleicht man die Kosten mit dem zu erwartenden Gewinn aus dem Boom umweltfreundlicher Investitionen ab, so würde das Wirtschaftswachstum bis 2050 nur um ein Jahr verzögert werden. Und dabei sind die Kosten, die ungebremster Klimawandel verursachen würde, noch nicht eingerechnet.
Ein Großteil der nötigen Investitionen könnte durch private Investoren getragen werden, glaubt Allianz-Vorstandsmitglied Joachim Faber. „„Voraussetzung für die Investitionsbereitschaft unserer Kunden sind jedoch verlässliche Rahmenbedingungen, die die Regierungen jetzt setzen müssen“, sagt Faber.
Auswirkungen auf die Wirtschaftssektoren
Wie Klimasünder zu Klimaschützern werden können, zeigt ein weiteres Kapitel der RECIPE-Studie. Betrachtet wurden hier die Wirtschaftszweige Energie, Industrie, Transport und Landwirtschaft.
Energieproduktion:
Eine CO2-neutrale Energieproduktion ist machbar, wenn erneuerbare Energien oder CO2-Sequestrierung weltweit zugänglich werden. Investitionen in Kohlekraftwerke müssen unterbleiben. Atomstrom kann dabei helfen, CO2-Emissionen zu vermeiden, birgt aber neue Gefahren und Kosten.
Transport & Verkehr:
Der CO2-Ausstoß des Transport-Sektors steigt kontinuierlich an und wird in immer Zukunft stärker zu Buche schlagen. Noch fehlt eine dominierende Technologie. Lösungsmöglichkeiten könnten etwa Autos mit Elektromotor oder die Verwendung von Biotreibstoffe sein. Bis jetzt sind diese Technologien aber noch nicht ausgereift.
Industrie (Zement/Stahl):
Die Zementproduktion ist einer der CO2-intensivsten Industriesektoren, bietet aber nur ein begrenztes CO2-Sparpotenzial. Heute errichtet Fabriken werden noch bis etwa 2020 in Betrieb sein. Der darauf folgende Investitionszyklus ist entscheidend für kostengünstige CO2-Reduktionen.
Landwirtschaft:
Die Landwirtschaft ist eine wichtige Quelle von Treibhausgasen wie N2O (Düngemittel) und Methan (Nutzvieh). Das Reduzieren dieser Emissionen ist ebenso wichtig wie die Verringerung der CO2-Emissionen. Die Bauern können darüber hinaus zum Klimaschutz beitragen, wenn sie ihre Böden nachhaltig bewirtschaften und als CO2-Speicher nutzen.
Autor: Thilo Kunzemann
Veröffentlicht am: 02. November 2009