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Flaschenpost: Giftiges Plastik im Pazifik

Der Müllstrudel im Pazifik vergiftet die Nahrungskette im Ozean, sagt sein Entdecker Kapitän Charles Moore. Der Gründer der ‚Algalita Marine Research Foundation’ berichtet von seinem Besuch der „Plastik-Kloake“ im Jahr 2009 und erklärt, warum er nie wieder dorthin zurück geht.


Flaschenpost: Giftiges Plastik im Pazifik

Kapitän Charles Moore, Gründer der ‚Algalita Marine Research Foundation’

„Wenn wir in Zukunft die grundlegenden Bestandteile des Ozeanwassers auflisten, wird Plastik einer davon sein.“ (Foto: Matt Cramer /Algaita)

 

Wie haben Sie den Müllstrudel im Pazifik gefunden?

Als wir vor 12 Jahren nach einem Rennen von Los Angeles nach Honolulu zurückkehrten, nahm ich eine Abkürzung. Über eine Woche lang sah ich jedes Mal, wenn ich an Deck kam, treibenden Unrat.  

 

Da draußen gibt es eine ekelhafte Plastik-Kloake, die sich in jedem Jahrzehnt verdoppelt. Wir produzieren jedes Jahr 250 Millionen Tonnen Plastik und wenn uns nur 10 Prozent davon abhanden kommen, verdoppeln wir die Müllmenge in den Ozeanen in nur vier Jahren.

 

Ich schätze, dass die Ozeane 100 Millionen Tonnen Müll enthalten. Es gibt fünf nachgewiesene Müllstrudel: im Nord- und Südpazifik, im Nord- und Südatlantik und im Indischen Ozean.

 

Im Sommer 2009 kehrten Sie dorthin zurück. Was fanden Sie vor?

Es ist ein Friedhof, aber die Leichen werden frischer, es werden immer mehr und sie kommen von überall her.  

 

Der Dreck ist jetzt so schlimm, dass ich um die Sicherheit meiner Mannschaft und meines Schiffes fürchte. Ich werde nicht zurück gehen. Wir stießen mit so viel Zeug zusammen und blieben mit der Schiffschraube in so vielen Netzen hängen. Es war beängstigend.

 

Wir hatten erwartet, weniger Müll vorzufinden, weil es sehr windig war und viel Seegang gab. Aber tatsächlich sahen wir mehr, auch größeren Unrat. Nicht einmal starke Winde können ihn auseinandertreiben.

 

Wir stellten fest, dass der Dreck nicht in einer einzelnen Zone zu finden ist: Er ist im ganzen Nordpazifikwirbel auf einem Gebiet von 600 bis 1000 Meilen verteilt.

 

Wir beobachteten auch ein neues Phänomen. Früher fanden sich auf größeren Abfällen, zum Beispiel auf Bojen, Kolonien von gesunden Entenmuscheln. Jetzt fanden wir nur Algen und kranke Entenmuscheln – vielleicht wegen der Übersäuerung des Ozeans.

 

Wie funktioniert der Müllstrudel, wie kommt der Abfall hinein und wieder hinaus?

Es gibt eine Hochdruckzone über dem Pazifik. Das Hoch drückt auf die Oberfläche des Ozeans und saugt mit Winden und Strömungen Gegenstände an. Es ist wie in einer Toilettenschüssel: Da ist ein Abfallstrudel und eine Müllspirale, die von den pazifischen Randgebieten unterspült wird.  

 

Dadurch entsteht ein sechsjähriges Zirkulationssystem. Wenn also etwas an der japanischen Küste ins Meer geworfen wird, kehrt es innerhalb von sechs Jahren wieder dorthin zurück.


Flaschenpost: Giftiges Plastik im Pazifik

Bildergalerie: Die größte Müllkippe der Welt - der Pazifik

(Zum Ansehen auf das Bild klicken)

 

Stürme wirbeln Unrat aus diesem System. Die Pazifikinseln – die nördlichen Marianen, die japanischen und philippinischen Archipele – wirken wie Siebe und sammeln das Material an den Stränden. Im größten Meerespark der Welt, dem ‚Hawaiian Ocean Reserve’, werden jährlich 52 Tonnen Müll angeschwemmt.

 

Woher kommt dieser Müll? Hauptsächlich vom Land oder vom Meer?

Nach Angaben der UN für alle Ozeane stammen 80 Prozent des Mülls vom Land und 20 vom Meer. Aber im Müllstrudel stammen die großen Abfälle wie treibende Netze und Bojen aus der Fischereiindustrie.  

 

Beim kleinteiligen Müll stammt der identifizierbare, mit Etiketten gekennzeichnete Abfall aus Asien. Er benötigt nur zwei bis drei Jahre, um dort hinauszutreiben, während Müll aus Nordamerika fünf Jahre braucht.

 

Das Problem ist, dass niemand das kontrolliert. Bei einer öffentlichen Kläranlage, die geklärtes Abwasser in den Ozean leitet, müssten die Auswirkungen auf den Ozean überwacht werden. Aber hier haben wir es mit etwas zu tun, das eher Jahrhunderte als Jahrzehnte überdauern wird. Und die Menge wird nicht einmal erfasst.

 

Wie wirkt sich der Müll auf das Ökosystem des Ozeans aus?

Der Plastikmüll ist einfach verhärtetes Erdöl und wenn das in kleine Partikel zerfällt, verhalten diese sich wie kleine Öltropfen und werden Bestandteil des Wassers. Wenn wir in Zukunft die Bestandteile des Ozeanwassers auflisten, wird Plastik einer davon sein.  

 

Plastik ist auch ein Magnet, der Leben anzieht. Das beginnt mit einem Bakterienfilm auf dem Objekt, dann wachsen Algen an. Wir beobachten jetzt Bojen mit Korallenbesatz.

 

Wir schaffen neuen Lebensraum in der Tiefsee, der zu Problemen mit eingeschleppten Arten und der Artenvielfalt führt. Eindringlinge fressen kontinuierlich die Nahrung auf der Oberfläche und lassen zu wenig für Lebewesen übrig, die sich tagsüber in der Tiefe verstecken und nachts zum Fressen auftauchen.

 

Der Müllstrudel im Pazifik (Video in englischer Sprache)

 

Welche Arten sind am stärksten gefährdet?

Die Sorgenkinder sind 100.000 Albatros-Junge, die jedes Jahr an Flaschenverschlüssen, Feuerzeugen und anderem Müll ersticken, den ihre Eltern mit Fisch verwechseln und ihnen zum Fressen bringen.  

 

Dennoch sind die Auswirkungen auf den bekanntesten Fisch der Ozeane am bedeutendsten. Der Laternenfisch lebt tagsüber in der Tiefe und kommt nachts an die Oberfläche, um wie wild zu fressen.

 

Die Laternenfische fressen riesige Mengen an Plastik. Wir fanden in einem Fisch 84 Plastikteile von der Größe eines Mittelfingers. Jeden Morgen müssen sie dann - praktisch mit Schwimmkörpern im Magen, die keine Nährstoffe liefern - eine Meile tief abtauchen. Das ist eine Sackgasse, der Untergang dieser Art ist abzusehen.  

 

Was können wir gegen die Müllstrudel tun?

Wir müssen sie an die Leute zurückgeben, die sie verursacht haben. Wir müssen feststellen, woher der Müll kommt und Geld von diesen Verschmutzern bekommen. Wir wünschen uns mehr Kontrolle von Plastik auf Schiffen. Die Menge Plastik, die an Bord geht, muss auch wieder herunterkommen.  

 

Manche Leute schlagen vor, die Strudel mit Booten zu reinigen, aber ich glaube, der Müll ist an zu vielen Stellen und zu großräumig verteilt. Wenn wir dafür sorgen könnten, dass überhaupt kein Plastik mehr in die Ozeane gelangt, hätte es vielleicht einen Sinn, zu entfernen, was noch darin ist.

 

Wenn es kein Gegenmittel gibt, wie können wir dann verhindern, dass Plastik in die Ozeane gelangt?

Wir könnten Plastik verwenden, das einfach zu entfernen und zu recyceln ist. Wir könnten kompostierbare Verpackungen und Netze für die Fischindustrie verwenden.


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Aber ich setzte keinerlei Hoffnungen auf eine wachsende Wirtschaft, die auf ungezügeltem Konsum beruht. Entwicklungsländer werden nicht darauf hingewiesen, dass sie Plastikverpackungen nicht ins Meer werfen und erwarten können, dass er am nächsten Tag verschwunden ist. Also sind Dschungel, Flüsse und ganze Länder mit einem Plastikfilm überzogen.

 

Es ist Zeit aufzuwachen. Wir können die Ölmenge in den Ozeanen nicht in jedem Jahrzehnt verdoppeln und einen Ozean erwarten, den wir als solchen wiedererkennen.

 

Autor: James Tulloch

Veröffentlicht am: 30. November 2009

 
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