Sushi ersetzt die Steaks und zur modernen Küche gehört hin und wieder ein Hummerschwanz. Meeresfrüchte im Ausverkauf – die subventionierte Fischereiindustrie, neben dem Klimawandel der schlimmste Feind der Ozeane, macht es möglich.
![]() | Kein EntkommenSchleppnetze rutschen über den Meeresgrund und nehmen alles mit, was ihnen in die Quere kommt (Foto: Reuters) |
In den vergangenen Jahrzehnten wuchs der weltweite Markt für Meeresfrüchte sehr schnell. Ernährungsexperten priesen die gesundheitlichen Vorteile der Omega-3-Fettsäuren und Fisch wurde eine ebenso wichtige Proteinquelle wie Fleisch.
Supermärkte und Restaurants in den westlichen Industrieländern versuchen sich gegenseitig mit Waren aus "nachhaltiger Fischerei" zu übertreffen – ganz gleich, wie gefährdet die verschiedenen Arten sind.
Der Zustand des weltweiten Fischbestands ist jedoch erschreckend: 50 Prozent aller Bestände sind komplett ausgebeutet, 30 Prozent sind überfischt. Nur ein Prozent beginnt sich zu erholen.
Karoline Schacht, die deutsche WWF-Referentin für Fischerei, erklärt: "Zerstörerische Fangmethoden wie die Grundschleppnetzfischerei schädigen und zerstören empfindliche Lebensräume im Meer", sagt sie.
"Millionen Fische und andere Meeresbewohner werden dabei als unerwünschter Beifang getötet. Das hat den größten Lebensraum der Erde bis an seine Grenzen gebracht. Gefährdet sind nicht nur die Lebensräume und Arten im Meer, sondern auch die Existenz der Küstenbewohner, die menschliche Gesundheit und die Nahrungsmittelsicherheit."
Die kanadische Provinz Neufundland wurde 1992 zum Synonym für diese ökologischen und ökonomischen Gefahren. Die bis dahin florierende Kabeljau-Industrie kam plötzlich zum Erliegen, als die Kabeljau-Saison begann, die Fische jedoch ausblieben.
Mehrere Jahrzehnte Misswirtschaft und das blinde Vertrauen auf unerschöpfliche Vorräte führten dazu, dass 40.000 Menschen ihre Arbeit verloren und ein wichtiges Ökosystem zugrunde ging. Ein sofortiges Fischereiverbot sollte für eine schnelle Erholung des Kabeljau-Bestandes und der Fischindustrie sorgen – vergebens. "Die traurige Wahrheit ist, dass das Fangverbot noch immer besteht, aber die Schwärme nie wieder kamen", sagt Schacht.
Aquakulturen: die Rettung?
Im Jahr 2008 erreichte der weltweite Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch und Meeresfrüchten mit 17 Kilogramm seinen Höchststand. Rund 2,1 Millionen Fischereischiffe und geschätzte 43,5 Millionen Arbeitnehmer in der Fischereiindustrie sorgten dafür, dass die Versorgung mit Wildfang seit Mitte der 1990er Jahre bei knapp unter 90 Millionen Tonnen pro Jahr stagnierte.
Das Ungleichgewicht zwischen dem Angebot aus Wildfang und der Nachfrage wird durch Aquakulturen ausgeglichen. Im Jahr 2008 veröffentlichte die Welternährungsorganisation FAO der Vereinten Nationen ihren Bericht zum Stand von Fischerei und Aquakultur (SOFIA).
Darin stellte die FAO fest, dass der Anteil der Aquakulturen am jährlichen Ertrag 47 Prozent beträgt. Die Aquakulturen sind bei den tierischen Lebensmitteln somit der am schnellsten wachsende Sektor. Die Versorgung mit Fisch aus Fischfarmen stieg von 0,7 Kilogramm pro Kopf im Jahr 1970 auf 7,8 Kilogramm 2006.
Was wie ein Segen klingt, kann aber auch ein Fluch sein. "Es könnte die Wildfisch-Bestände entlasten", sagt Karoline Schacht. "Aber es wäre keine gute Idee, nur Fische zu züchten, die ansonsten in freier Wildbahn gefangen würden. Denn die gezüchteten Fische benötigen Futter, das wiederum aus Wildfisch besteht. Damit verschärft sich das Problem der Überfischung nur."
Außerdem mussten große Küstenstriche wie die asiatischen Mangrovenwälder den künstlichen Fischgehegen und -becken weichen. Die Fäkalien der Zuchtfische und nicht verzehrtes Fischfutter verunreinigen das Wasser. Die Parasiten, die die Fischkulturen befallen, dringen auch ins Meer ein. Und diese Mischung wird noch durch Pestizide und Antibiotika verschlimmert, die verhindern sollen, dass die Zuchtfische zu früh sterben.
Viele gezüchtete Arten bedrohen auch die heimische Artenvielfalt. Beim Konkurrenzkampf zwischen fremden und heimischen Arten werden wildlebende Tiere teilweise von fremden Arten verdrängt. Dies ist rund um Lachsfarmen im Pazifik vor British Columbia, Kanada, offensichtlich bereits geschehen. Atlantische Lachse entwischen aus ihren Käfigen und verändern allmählich den Genpool der einheimischen Lachse.
Schwammige Gesetzgebung
Fisch wurde lange als "Freiwild" betrachtet, als letzte Bastion der Jäger und Sammler-Mentalität, die die Menschheit an Land schon lange aufgegeben hat. Das hat eine nachhaltige Politik und Vorschriften für den Fischhandel bisher sehr erschwert. "Es gab keine Vorschriften, weil man davon ausging, dass die Meere unerschöpflich sind und dass genug Fisch vorhanden ist, um die Weltbevölkerung zu ernähren", folgert Karoline Schacht.
Stattdessen müssen moderne Fischereimethoden auch Lebensräume schützen, Jungtiere und Arten, die nicht gefischt werden sollen. In Europa, wo die Fischerei-Verwaltung weitgehend zentralisiert ist, sollte "eine Regionalisierung auf nationaler Regierungsebene stattfinden", argumentiert Schacht, "da es in verschiedenen Regionen der EU unterschiedliche Probleme gibt."
Doch bisher wurden die Auswirkungen auf die Umwelt weitgehend ignoriert. Obwohl es keine genauen Schätzungen gibt, beträgt der unerwünschte Beifang jährlich weltweit rund 20 Millionen Tonnen. Trotzdem steigt dieser skandalös hohe Anteil weiter, da es noch immer Subventionen für die "Modernisierung" der Fischflotten sowie für Treibstoff gibt.
In Sachen erfolgreicher Reformen könnte sich Europa eine Scheibe von Island abschneiden. Das Land hat mit seiner Fischereipolitik bewiesen, dass die Fischbestände sich trotz der Befischung durch die Menschen erholen können.
In Island werden für jedes Schiff und für jede Art individuelle und übertragbare Fangquoten vergeben. Der Durchschnittsertrag einer dreijährigen Fangperiode bestimmt die Höhe der Quote. Damit alle eine Erfolgsgarantie haben, können die Quoten unter den Schiffen gehandelt werden. Der bislang undokumentierte Beifang muss erfasst werden. Und solange die Brutzeit der Fische andauert, werden die bekanntesten Laichgebiete gesperrt.
Früher war es das Ziel der Fischer, möglichst viel zu fangen; heute setzen sie darauf, zum Aufbau nachhaltiger Bestände beizutragen. Obwohl 63 Prozent der untersuchten Bestände Islands sich noch immer nicht völlig erholt haben, gibt es neue Hoffnung.
In seiner 2009 veröffentlichten Studie "Wiederaufbau der globalen Fischbestände" weckt Meeresbiologe Boris Worm weitere Hoffnungen. Eine Kombination mehrerer Ansätze könnte helfen, damit sich die Fischbestände wieder erholen, sagt er.
Dazu gehören Fangquoten und gemeinschaftliches Management zusammen mit strategisch platzierten Fangverboten, Meeresschutzzonen, verbesserte Ausstattungen für den gezielten Fang sowie wirtschaftliche Anreize.
"Was wir an einem Ort gelernt haben, müssen wir sehr vorsichtig auf eine neue Gegend übertragen", sagt Worms Co-Autorin Beth Fulton vom Meeresforschungs-Programm der "Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation" (Behörde für wissenschaftliche und industrielle Forschung) in Australien.
"Es gibt keine Wunderwaffe zur Lösung der Probleme. Sämtliche Anstrengungen müssen den Orten und den Menschen angepasst werden." Andernfalls könnten Fischgerichte eine rare Delikatesse werden, die sich nur wenige leisten können.
Autor: Bettina Fachinger
Veröffentlicht am: 24. November 2009