Immer mehr sogenannte Offset-Anbieter „neutralisieren“ den Ökologischen Fußabdruck von Verbrauchern, Unternehmen und ganzen Rockbands. Eine Kreditkarte und ein paar Mausklicks genügen, um das eigene Klimagewissen zu beruhigen. Klingt einfach. Zu einfach?
Fühlen Sie sich ein bisschen schuldig, weil Sie mit Ihrem letzten Urlaubsflug mehr CO2 freigesetzt haben als ein durchschnittlicher Inder in einem ganzen Jahr?
Sie sind nicht allein. Prinz Charles, George Clooney und die Rolling Stones haben alle dasselbe Problem. Sie genießen zwar einen guten Ruf als Umweltschützer, müssen aber trotzdem um die Welt fliegen und tun, wofür sie berühmt sind. Wie gleichen sie die Klimaschäden aus, die sie verursachen?
Sie kompensieren. Das heißt, sie bezahlen andere Firmen dafür, ihre Emissionen zu reduzieren. Seit das Kyoto-Protokoll diese Idee auf bilateraler Ebene eingeführt hat, wurden durch ‚Offsetting’ Milliarden von Euro an eine Vielzahl von Projekten zur Reduktion von CO2-Emissionen weitergeleitet. Profitiert haben Baumschulen in China oder Windfarmen in Brasilien.
Wegen der wachsenden öffentlichen Aufmerksamkeit bieten Dutzende von Unternehmen nun auch Privatpersonen die Möglichkeit, ihre Emissionen zu berechnen und auszugleichen.
Was zunächst als Konzept für Promis und Rockbands erschien, ist zum Mainstream geworden. Sogar viele Fluglinien fragen ihre Kunden bereits bei der Buchung, ob sie etwas mehr zahlen wollen, um den CO2-Ausstoß während ihrer Reise zu neutralisieren.
Moderner Ablasshandel?
Trotz der wachsenden Beliebtheit von Offsets wird die Bezahlung Dritter für die Neutralisierung der eigenen Emissionen von etlichen Umweltschützern kritisiert.
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„CO2-Offsets sind an sich fiktive Einrichtungen, die einen Vorteil aus der Besorgnis der Menschen über den Klimawandel ziehen,“ sagt Kevin Smith, Leiter von Carbon Trade Watch, ein Projekt zum Emissionshandel am Transnational Institute in Amsterdam.
Smith nennt drei kritische Punkte: Die Methoden, mit denen die Unternehmen die „Klimasünden“ der Menschen tilgen. Die dem Offsetting zugrunde liegende Annahme, dass CO2-Emissionen, sobald sie einmal in die Atmosphäre gelangt sind, überhaupt neutralisiert werden können. Und die Befürchtung, dass Offsets die Menschen von „größeren Systemänderungen“ ablenken. Veränderungen in der Politik und im Konsumverhalten beispielweise, die unerlässlich sind, um dem Klimawandel zu begegnen.
Offset-Anbieter, sagt Smith, „rauben den Leuten den Impuls etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen und machen ihn zu einer Ware. Sie verwandeln ihn in einen Handel. Die Leute müssen nur einen kleinen Ablass zahlen, um Absolution für ihr schlechtes Gewissen zu erhalten.“
Sei achtsam, Kunde!
Auf dem Markt gibt es seriöse Offset-Anbieter, aber auch schwarze Schafe. Klimaforscher der US-amerikanischen Tufts University untersuchten in einer Studie die Strategien zur CO2-Kompensation für Flugreisen von 13 Anbietern. Am Ende stellten sich nur vier Anbieter als empfehlenswert heraus.
Einer davon ist atmosfair, eine gemeinnützige Organisation in Deutschland, die Flugreisen kompensiert. Trotz der relativ hohen Kosten – rund 13 Euro als Ausgleich für eine Tonne CO2-Ausstoß – empfahl die Studie atmosfair wegen der transparenten Prozesse und der Qualität der Projekte, die mit den Kompensationen unterstützt werden.
atmosfair hält sich strikt an den Gold Standard, ein vom WWF (Worldwide Fund of Nature) und anderen Umweltorganisationen im Jahr 2003 entwickeltes Qualitätssiegel für Projekte zur freiwilligen CO2-Kompensation.
Gold Standard Projekte basieren ausschließlich auf erneuerbaren Energien oder auf Energieeffizienz. Im Gegensatz zu vielen Offset-Anbietern erkennt der Gold Standard das Pflanzen von Bäumen nicht als geeignete Methode zur Kompensation an, weil Wiederaufforstung nicht die notwendige „Verhaltensänderung“ fördert, um CO2-Emissionen zu reduzieren.
Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender von Germanwatch und Gründer von atmosfair, sagt, Emissionsausgleich durch Aufforstung klinge gut, sei aber zweischneidig. Bäume könnten ein paar Jahre später wieder gefällt oder, schlimmer, abgebrannt werden, was jeden Nutzen für das Klima zunichte machen würde.
„Abholzung ist eines der größten Probleme der Welt – auch für das Klima,“ sagt Milke. „Aber wir brauchen andere Instrumente dagegen als Offsets.“ Wer seine Regierung beim Kampf gegen die Abholzung unterstützt, Flugreisen aber nicht vermeiden kann, für den können Offsets ein akzeptable Alternative sein.
„Es gibt immer eine beste und eine zweitbeste Lösung, und Offsets sind die zweitbeste,“ sagt Milke. „Trotzdem kann man nicht immer die beste Lösung wählen und in diesem Fall ist es besser, das Zweitbeste zu tun als überhaupt nichts.“
Autor: Valdis Wish
Veröffentlicht am: 14. April 2009