Die Faustregel für Sonnenanbeter lautet: gelegentlich wenden – dann klappt es mit der perfekte Bräune. Architekt Rolf Disch setzte beim Entwurf des Heliotrops das Prinzip in die Praxis um und schuf Deutschlands erstes Positiv-Energiehaus.
Es sieht zwar aus wie ein gestrandetes UFO, aber das Heliotrop steht absolut fest in einem Vorort von Freiburg. Das futuristische Eigenheim nutzt die Solarenergie auf zweierlei Art: Solarpanele erzeugen Strom, während die Sonne Wasser in Glasröhren erhitzt.
Nicht wirklich innovativ? Dann sehen Sie einmal genauer hin: Das zylindrische Haus ist um eine riesige Säule herum gebaut, die das Haus mit dem Lauf der Sonne dreht. So kann die Sonnenstrahlung optimal genutzt werden. Das Heliotrop ist das erste deutsche Positiv-Energiehaus, das mehr Energie produziert, als die Bewohner verbrauchen.
Das Projekt wurde vor 25 Jahren ins Leben gerufen, als Rolf Disch, Architekt und Erfinder des Heliotrop, gegen ein geplantes Atomkraftwerk nahe Freiburg protestierte. Gleichzeitig machte er sich Gedanken über die Nutzung erneuerbarer Energien in Privathaushalten.
Einige Projekte gab es damals schon – kegelförmig angelegte Häuser, die über ein hohes Energiegewinnungspotenzial verfügten. Doch Disch wollte ein Haus entwickeln, das mehr Energie erzeugt, als es eigentlich braucht – und zwar erneuerbare Energie. "Dafür war ein experimentelles, futurisches Design mit Symbolcharakter nötig: Das Heliotrop war geboren", erklärt Dischs Sprecher Tobias Bube.
Da es fast ausschließlich aus Holz gebaut ist, ähnelt das Heliotrop einem riesigen Baumhaus, das sich langsam um seine eigene Achse dreht. Um so viel Sonnenlicht wie möglich einzufangen, sorgt eine Zeitschaltuhr dafür, dass sich das Haus im Lauf von zwölf Stunden um 180 Grad dreht, also alle zehn Minuten um ein oder zwei Grad.
Unruhig ist es im Heliotrop deswegen nicht: "Die Bewegung spürt man nur, wenn man sich darauf konzentriert", sagt Bube. "Wegen der Säule kann es sein, dass das Haus bei Wind ein wenig schwankt, aber keine Angst: Deshalb wird niemandem schwindlig."
Das photovoltaische Paneel auf dem Dach verfügt über eine Kapazität von 6,6 Kilowatt. Die Brüstungen, an denen Röhrenkollektoren angebracht sind, dienen gleichzeitig zur Warmwassergewinnung für das Haus. Ein Computer sorgt permanent dafür, dass das Panel optimal zur Sonne hin ausgerichtet ist.
Das Hauptgebäude ist in zwei Hälften geteilt: Die eine Seite ist mit dreifach verglasten Fenstern ausgestattet, um möglichst viel Sonnenlicht ins Haus zu lassen. Die andere Seite ist isoliert wie eine kleine Festung und garantiert an heißen Sommertagen angenehme Kühle. In Kälteperioden ohne Sonne wird mit Pelletsheizung oder Solarthermie geheizt.
Um den Wasserverbrauch niedrig zu halten, wurde ein Regenwassersammler eingebaut. Das Grauwasser wird zum Spülen und Waschen genutzt, das Abwasser wird in einer Teichkaskade geklärt. Die Trockenkompostanlage, an die auch die Toiletten angeschlossen sind, rundet das Ökohaus ab.
Letztendlich produziert das Heliotrop etwa fünfmal mehr Energie, als es verbraucht. Das Heliotrop ist trotzdem ein Luxusobjekt: Komplett ausgestattet kostet es etwa 1,5 Millionen Euro.
Dennoch wurde im Jahr 2000 in der Solarsiedlung am Schlierberg in Freiburg in 50 Wohnhäusern und einem Gewerbebau namens "Sonnenschiff" die Heliotrop-Technologie eingebaut. Es entstand eine Energie-positive Siedlung, die einen jährlichenÜberschuss von etwa 36 Kilowattstunden pro Quadratmeter erzielt.
"Keine deutsche Bank wollte die Projekte finanzieren", erinnert sich Bube. "Zu teuer, zu riskant, zu verrückt, sagten sie. Für die Schlierberg-Siedlung haben wir einen privaten Investor gefunden und hatten das Problem nicht mehr."
Doch obwohl die Solarenergie auf breite Unterstützung trifft und eine vernünftige Finanzierung möglich ist, kostet ein Energie-positives Eigenheim noch immer rund zehn Prozent mehr als ein herkömmliches Haus.
Die Befürworter behaupten, dass sich die Investition in erneuerbare Energie durch die Einsparung bei den Heizkosten und Erträge aus der Stromeinspeisung ins Netz nach einer bestimmten Zeit lohnt.
Als die Bundesregierung 2010 die Einspeisevergütung für Photovoltaik-Anlagen auf Dächern kürzte, bedeutete dies einen Rückschlag für das Konzept. Doch selbst wenn die Subventionen um 16 Prozent gekürzt werden, zahlt sich eine private Investition in Solarpanele noch immer aus, so die Deutsche Energie-Agentur (DENA).
Rolf Disch hält die Solarenergie noch immer für billig, insbesondere wenn es möglich wird, dass die, die den Strom produzieren, ihn auch direkt benutzen, anstatt den Umweg über die Einspeisung ins Stromnetz zu nehmen. Disch will nun einen Überschuss von 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter erreichen und hofft, diese zusätzliche Energie direkt für Elektrofahrzeuge verwenden zu können.
"Sobald Solarstrom so billig ist wie konventioneller Strom, brauchen wir nicht einmal mehr eine Einspeisevergütung", sinniert Bube. "Die Menschen könnten den Strom beispielsweise direkt für Elektrofahrzeuge nutzen. Sie hätten ihre eigene Tankstelle sozusagen auf dem Dach."
Vielleicht sollte Rolf Disch bei künftigen Heliotropen gleich eine Garage vorsehen.
Autor: Bettina Fachinger
Veröffentlicht am: 27. Juli 2010