Auch fast zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung entwickeln sich die ehemals getrennten Staaten noch immer sehr unterschiedlich. Eines haben sie jedoch gemeinsam: die Einwohnerzahl schrumpft.
![]() | „Die verschwundene Berliner Mauer“Die illuminierte Installation des koreanischen Künstlers Eun Sook Lee in Berlin im Jahr 2007. (Foto: Reuters) |
Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger sagte einmal, Deutschland sei zu groß für Europa, aber zu klein für die Welt. Als die beiden deutschen Staaten 1990 nach 40 Jahren Teilung wiedervereinigt wurden, war das Land erneut der bevölkerungsreichste Staat Europas.
Fast zwei Jahrzehnte später sind die Narben der Teilung noch immer sichtbar. Unübersehbar überragen die Plattenbauten der Sowjets die ostdeutschen Städte. Und seit dem Zusammenbruch der Industrie prägen vielerorts verfallene Fabriken, leerstehende Häuser und verlassene Straßen das Bild.
Seit der Wiedervereinigung haben 1,7 Millionen Menschen den Bundesländern im Osten den Rücken gekehrt. Gründe dafür sind der allgegenwärtige Verfall und schlechte wirtschaftliche Lage. Was bleibt, sind leere und überalterte Städte und Dörfer. Ostdeutsche Städte haben seit 1990 bis zu 30 Prozent ihrer Einwohner verloren.
Eine erschreckende Entwicklung, die in Europa einmalig ist. Der Bevölkerungsschwund ist allerdings kein ostdeutsches Phänomen, sondern ein bundesweiter Trend. In den 70er Jahren sank die Geburtenrate auf beiden Seiten der Mauer auf 1,4 Kinder pro Frau. Zum Vergleich: In Italien, Spanien und Griechenland brachte jede Frau durchschnittlich zwei Kinder zur Welt; heute haben diese Länder noch niedrigere Geburtenzahlen als Deutschland.
Drei Jahrzehnte niedriger Geburtenraten in Deutschland fordern ihren Tribut: Seit 2003 sinkt die Einwohnerzahl. Im Jahr 2050 werden es noch zwischen 69 und 71 Millionen Menschen sein – von derzeit 82 Millionen. Dann werden Großbritannien und Frankreich dem bisher bevölkerungsreichsten Land der Europäischen Union den ersten Platz streitig machen (vorausgesetzt, die Türkei wird kein Mitgliedsstaat der EU).
Staatliche Familienplanung war für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein absolutes Tabu. Das änderte sich, als die Regierung eine Idee aufgriff, die in den 1970er bis 80er Jahren in Skandinavien erprobt wurde. Seit 2007 bietet die deutsche Regierung berufstätigen Eltern ein großzügiges Elterngeld an.
Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt stieg die Zahl der Geburten in Deutschland wieder – allerdings nur um ungefähr 12.000. Doch Elternprämien alleine werden Deutschland nicht retten. Die Geburtenrate steigt zwar leicht, aber die Bevölkerung überaltert trotzdem und nimmt immer noch ab. Dazu kommt die gestiegene Lebenserwartung.
All diese Trends gefährden das Sozialversicherungssystem, das überwiegend aus Beiträgen der Arbeitnehmer finanziert wird. Schon jetzt schießt der Staat jedes Jahr rund 80 Milliarden Euro zu den Renten zu: Das entspricht etwa einem Drittel seiner Gesamtausgaben.
Eine Reform des Sozialversicherungssystems soll dafür sorgen, dass es mit der enorm wachsenden Anzahl der über 60-Jährigen Schritt halten kann. Eine der ersten Maßnahmen ist die schrittweise Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre.
Eine andere Möglichkeit wäre verstärkte Zuwanderung. Doch bisher war die Integration von Ausländern in die deutsche Gesellschaft nicht gerade einfach.
Einwanderungsbestimmungen für Hochqualifizierte wie Ingenieure und Programmierer sollen zwar gelockert werden, aber angesichts der derzeitigen Arbeitslosenzahlen ist es eher unwahrscheinlich, dass Deutschland seine Grenzen öffnet - so wie in den 1950er und 1960er Jahren für die Gastarbeiter.
Autor: Valdis Wish
Veröffentlicht am: 14. April 2009