Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung um weitere 3,5 Milliarden zunehmen, das sind so viele Menschen wie 1950 insgesamt auf der Erde lebten. Kann ein ausgelaugter Planet noch mehr Bevölkerungswachstum verkraften? Lesen Sie, was dafür und was dagegen spricht.
![]() | Zu viele oder doch zu wenige?Menschenmasse in Mumbai. Indien ist eines der Länder, in denen die Bevölkerung in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen ist. (Foto: Reuters) |
Die Frage: Kann die Welt mehr Menschen verkraften?
Antwort 2: Ja, denn unser Lebensstil verursacht die Krise, nicht die Bevölkerungszahl.
Betrachtet man das vergangene Jahrhundert, so Historiker und Wirtschaftswissenschaftler, haben sich Wohlstand und Gesundheit für die Mehrheit der mittlerweile viermal so großen Weltbevölkerung dramatisch verbessert.
Der Bevölkerungszuwachs hingegen nimmt ab, sogar in den Entwicklungsländern. Die wahre Bedrohung für die Umwelt, sagen Experten, sind nicht mehr arme Menschen; es ist der Lebensstil der Reichen.
Während des 20. Jahrhunderts nahm die Zahl der Menschen von 1,6 auf über sechs Milliarden sprunghaft zu. Die durchschnittliche Lebenserwartung, das Pro-Kopf-Einkommen und andere Größen, die den Lebensstandard messbar machen, sind jedoch ebenfalls wesentlich gestiegen.
Die Bevölkerung des 20. Jahrhunderts wuchs nicht, „weil sich die Menschen plötzlich wie die Hasen vermehrten. Sie wuchs, weil sie endlich aufhörten, wie die Fliegen zu sterben“, sagt der US-amerikanische Ökonom Eberstadt. „Die ‚Bevölkerungsexplosion’ ... war eigentlich eine ‚Gesundheitsexplosion’.“
Matthew Connelly zeigt in seinem Buch „Fatal Misconception“ – verhängnisvolles Missverständnis –, die Geschichte über die Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle seit dem 20. Jahrhundert auf.
Der Nutzen der Demografischen Dividende wird überschätzt, sagt er. Gute Regierungsarbeit, Bildung und Infrastruktur sind effektivere Waffen gegen die Armut als die Verminderung der Bevölkerung.
Außerdem bezweifelt Connelly, dass Bevölkerungsreduktion unbedingt eine gute Sache wäre. Bis 2050 werden 140 Länder – oder vier Fünftel der Menschheit – Geburtenraten unter der Sterberate haben. Für diese Nationen wird es schwer sein, alte Arbeitskräfte zu ersetzen und die Sozialversicherungssysteme zu unterhalten.
Der einzige Grund, warum die Bevölkerungszahlen in den entwickelten Ländern sich derzeit nicht in freiem Fall befinden, ist die Immigration. Connelly ist Programmen zur Kontrolle der Bevölkerungszahlen gegenüber skeptisch. Er führt an, dass solche Maßnahmen zwar zu sinkenden Geburtenraten in China und Indien geführt haben, die Raten in Ländern ohne solche Programme, wie Brasilien und die Türkei, aber ebenfalls sanken.
Auch für die Umwelt könnte eine reduzierte Bevölkerung schädlich sein, weil weniger Menschen und mehr Wohlstand auch mehr Single-Haushalte und mehr Pro-Kopf-Konsum bedeuten.
„China sagt, Dank der Ein-Kind-Politik gibt es 300 bis 600 Millionen Menschen weniger“, schreibt Connelly. „Aber Hunderte Millionen Chinesen, die nach dem Lebensstil der Mittelklasse streben, sind eine weit größere Belastung als 300 Millionen mehr sich selbst versorgende Bauern.“
Zahlen des WWF zeigen, dass sich zwischen 1992 und 2003 der Ökologische Fußabdruck in Ländern mit geringen und mittleren Einkommen wenig verändert hat. In einkommensstarken Ländern hat er dagegen um 18 Prozent zugenommen. Der Ökologischen Fußabdruck bedeutet die Fläche auf der Erde, die notwendig ist, um Lebensstil und –standard eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen.
Auf dem G8-Gipfel in Japan im Juli 2008 hat der britische Premierminister Gordon Brown das Thema sehr schön illustriert, als er die britische Öffentlichkeit dafür rügte, zu viel Nahrung wegzuwerfen, bevor er sich selbst zu einem Acht-Gänge-Menü niederließ.
Vielleicht sollte man Demografen, Umweltschützer und Politiker, die gern ins Fettnäpfchen treten, nicht danach fragen, wie viele Menschen der Planet aushalten kann, sondern wie viele Acht-Gänge-Menüs er verträgt.
Lesen Sie Teil 1:
Sind wir zu viele? Teil 1: Die Bevölkerungskrise
Autor: James Tulloch
Veröffentlicht am: 14. April 2009