Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung um weitere 3,5 Milliarden zunehmen – das sind so viele Menschen wie 1950 auf der Erde lebten. Kann ein ausgelaugter Planet so viel Wachstum verkraften? Lesen Sie, was dafür und was dagegen spricht.
Die Frage: Kann die Welt mehr Menschen verkraften?
Antwort 1: Nein, denn wir sehen einer Bevölkerungskrise entgegen.
Entwicklungsagenturen und Demografen befürchten, dass eine schnell wachsende Bevölkerung verarmte Nationen lähmt und die Umwelt zerstört. Die Hälfte der Menschheit ist heute jünger als 25 Jahre. Wir riskieren eine Katastrophe, so die Experten, wenn wir die Weltbevölkerungszahlen nicht stabilisieren.
Schon vor über 200 Jahren warnte Thomas Malthus vor ungehemmtem Bevölkerungswachstum und sprach vom „ewigen Kampf um Nahrung und Land“. Zu dieser Zeit lebten auf der Erde weniger als eine Milliarde Menschen.
Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass die Weltbevölkerung von derzeit 6,7 Milliarden auf wahrscheinlich 9,2 Milliarden im Jahr 2050 zunehmen wird. Schon sechs Milliarden Menschen leben weit über die Belastbarkeit der Umwelt hinaus, sagt die Umweltorganisation WWF.
Ihrem Bericht zufolge verbraucht die Menschheit zurzeit rund 25 Prozent mehr natürliche Ressourcen, als die Erde produzieren kann. Die Organisation warnt, dass eine Weltbevölkerung von 9,2 Milliarden die biologische Leistung von zwei Erden benötigen wird.
Der größte Teil des Bevölkerungszuwachses wird in der Dritten Welt stattfinden, mit dem schnellsten Wachstum in den 50 am wenigsten entwickelten Ländern wie Afghanistan, Bangladesch und Äthiopien.
Diese Zunahme, so der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen (UNFPA) in einer Erklärung zum Weltbevölkerungstag 2008, „stellt eine größere Bedrohung für die Bekämpfung der Armut dar, als HIV und AIDS in den meisten afrikanischen Ländern.“
John Cleland ist Professor an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Er meint, dass ein rapides Bevölkerungswachstum zu Mangel in den subsaharischen Regionen Afrikas führen wird. „Hohe Geburtenraten mit nahezu fünf Kindern pro Frau, 40 bis 45 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahren und eine Verdoppelung der Bevölkerung alle 20 Jahre, das bedeutet, dass man alles in doppelter Anzahl braucht: Lehrer, Medizinbedarf, Ärzte und Lebensmittelimporte“, sagt Cleland.
Auf der anderen Seite schreibt man dem verringerten Bevölkerungswachstum in Asien und Lateinamerika eine Demografische Dividende zu – eine höhere Anzahl produktiver, arbeitender Menschen mit weniger nicht-produktiven Kindern –, die zu 30 Prozent zum aktuellen Wirtschaftswachstum in diesen Regionen beigetragen hat.
Weil man in diese Richtung dachte, führten viele Länder in den 1950er und 1960er Jahren freiwillige Programme zur Bevölkerungskontrolle ein. Sie beinhalteten Familienplanung, Empfängnisverhütung und Abtreibung innerhalb des Gesundheitssystems, bessere Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten für Frauen und das Vermeiden zu früher Eheschließungen.
Erzwungen und daher beunruhigend sind Chinas Ein-Kind-Programm und Sterilisationen in Indien zu Indira Ghandis Zeiten. Heute verfolgen rund 70 Prozent der am wenigsten entwickelten Länder eine Politik, die eine geringe Geburtenrate anstrebt.
Moderne Malthusianer wie der Optimum Population Trust (OPT), eine britische Ideenschmiede, betonen ebenfalls die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums auf die Umwelt. „Wenn die Welt von Biologen regiert würde und nicht von Ökonomen, wären wir jetzt schon zur Vernunft gekommen“, sagt John Guillebaud von OPT.
„Diese Welt besteht aus drei Vierteln Salzwasser und die Hälfte des Restes ist Wüste“, sagt Guillebaud. „Biologen wissen, dass keine Spezies über die Belastungsgrenze ihrer Umwelt hinaus leben kann. Das Kondom, die Pille und die Spirale sollten ebenso kraftvolle Symbole der grünen Bewegung sein wie das Fahrrad.“
Lesen Sie den zweiten Teil:
Sind wir zu viele? Teil 2: Die Lebensstil-Krise
Autor: James Tulloch
Veröffentlicht am: 14. April 2009